Nicola Stäglich


Mittwoch, 7. März 2018, 20:00 Uhr


Feldbusch Wiesner Rudolph Galerie Berlin,
Jägerstrasse 5, 10117 Berlin




Nicola Stäglich | under the ivy | Öl, Acryl hinter Acrylglas, Holz | 195 x 145 x 10 cm | 2018


SELBSTBILDNIS IN FARBE
NICOLA STAEGLICH

"Meine  Malerei befindet sich schwebend im Raum"

Welche Bedeutung hat der ephemere Charakter des Lichts für Dich? Und welche besonderen Ausdrucksmöglichkeiten empfindest Du in Deiner Malerei hinsichtlich der Wirkungen von Licht und translucenter Farbe?

Das Malen auf dem transparenten Träger des Acrylglases bietet mir die höchste Farbleuchtkraft und stärkste Farbkonstraste, so als wenn meine Klaviatur über ungeahnte Oktaven verfügen würde. Diese Brillanz gibt es sonst nur noch in der Glasmalerei. Bei den "Transparencies" befindet sich die Farbe hinter der lichtdurchlässigen und spiegelnden Scheibe im Abstand zur Wand. Das Licht trifft auf die Oberfläche und reflektiert die Farbe der Malerei in Richtung des Betrachters und projiziert sie je nach Transparenz und Dichte farbig oder grau vom Betrachter weg auf die Wand oder auf eine zweite Trägerplatte. Die Malerei befindet sich also real schwebend im Raum. Die Projektion der Farbe sowie weitere gemalte Farbsetzungen z.B. auf der Trägerplatte oder an den Rändern des Acrylglaskörpers führen zu einer komplexen raumzeitlichen Farbwahrnehmung. Der Bildraum ist ein entgrenzter Lichtraum. Die besondere Leuchtkraft der Farbe ist nicht einfach im Sinne von "Farbsättigung" zu verstehen. Der Pinselduktus, aber auch das Zerfließen von Farbe, wird durchleuchtet und bekommt damit eine besondere Präsenz und einen besonderen Ausdruck. Hier geht es nicht um Technik sondern um Emotionalität. Ich habe immer wieder die Glasfenster von Henri Matisse in der Chapelle du Rosaire in Vence besucht. Die Leuchtkraft der Farben und das Lösen der Farben von ihrem Träger in Form von farbigen Schatten im Raum haben mich sehr berührt. Mich treibt die Sehnsucht um, Farbe zum Schweben zu bringen, weil sie dadurch immateriell und der Raum unendlich wird.

Wie ist der Unterschied zu anderen Bildträgern wie Papier, Holz oder Leinwand?

Der Bildaufbau beim Malen auf Papier, Holz oder Leinwand ist dem Arbeiten auf dem transparenten Acrylglas-Träger genau entgegengesetzt. Die Farbe saugt sich in den weiß grundierten Untergrund und bleibt für den Betrachter anfaßbar. Ich kann die Farbe stärker fließen lassen und arbeite z.B. mit Prozessen der Autopoiesis.
Die Grundkomposition und der Farbauftrag in Deinen Arbeiten wirkt kontrolliert und überläßt zugleich der physischen wie visuellen Präsenz der Farbe stets den Vorrang.

Die Präsenz der Farbe lebt in meiner Arbeit von der stark physischen Einschreibung der Farbe durch die breiten Pinselsetzungen. Teilweise arbeite ich mit 80 cm breiten Pinsel. Dadurch entstehen klare Entscheidungen. Das Kontrollierbare und Planbare ist jedoch immer vom Kontrollverlust gebrochen.

Welche spezifische Bedeutung hat die Farbe für Deine Malerei als naturwissenschaftliches Phänomen?

Die Farbwahrnehmung gehört zur komplexesten Sinneswahrnehmung, die das Licht im Bewußtsein erzeugt. Wir können nur einen Bruchteil der Farben sehen; Wellenlängen im Bereich von ca 400 bis 750 Nanometer. Wenn man UV sieht wie die Biene es tut, lebt man in einer anderen Welt. Meine Malerei ist keine physikalische Versuchsanordnung, und doch hat die Idee des Ephemeren genau mit der Lichtwelle zu tun. 

Wie würdest Du den Transfer oder das Verhältnis in deiner Malerei von Bild und Wirklichkeit beschreiben?

Mich dem Sehprozess hinzugeben und Farbe, Licht und Schatten zu beobachten, ist für mich wie Essen und Trinken. Bildidee und Wirklichkeit sind für mich eng verwoben. Das Gedächtnis wurde von den Griechen mit einem Wachsblock verglichen, in den sich das Erlebte einprägt. Manchmal reichen ein Stück Himmel, ein Lichteinfall, der Körper oder Architektur für eine Idee. Ich bin bis zu meinem siebten Lebensjahr in Städten aufgewachsen, dann im Mittelgebirge. Seit dem Studium lebe ich wieder fast ausschließlich in Städten, vor allem in Berlin. Ich scanne die Beschaffenheit der Horizontlinie, die Luftschichten und Wolkenbildungen. Ich nehme diese Phänomene alltäglich wahr, suche sie auch speziell auf. Im letzten Sommer war ich auf der Wildspitze, um neue Seh- und Körpererfahrungen zu machen. Besondere Resonanz empfinde ich bei leeren und weiten Landschaften. Der einjährige Aufenthalt in Los Angeles mit den Reisen durch Arizona, Utah und New Mexico war prägend. Für mich ist das Bild ein Ort der Erfahrung.

Erzeugt der Fokus auf das Licht in deinen neuen Arbeiten auch ein anderes Konzept von Raum und Zeit?

Die Bilder sind interaktiv. Sie verändern sich im Tagesverlauf und mit der Bewegung des Betrachters vor der Arbeit. So kommt es zu einer künftigen Verschiebung der Wahrnehmung. Das raum-zeitliche Wahrnehmen ist in Veränderung begriffen. Die Spiegelung des Betrachters und seiner Umgebung wird Teil des Bildes. Die nichtlineare Durchdringung dieser verschiedenen Ebenen und die Irritation darüber, was zu Sehen ist, interessiert mich. Es ist ein fast halluzinierender Zustand.

Inwiefern spielen in Deiner bildnerischen Arbeit das malerische Denken als performative Handlung und als eine „Aufführung“ von Malerei für Dich eine Rolle?

Meine Bewegungen bilden sich auf dem transparenten und spiegelnden Träger ab. Das hat für mich erst einmal eine existentielle, keine theoretische Dimension. Zu Beginn sprühe ich meist Farbe und arbeite dann mit Pinseln in den feinen Farbnebel hinein. Kontinuitäten und Disruptionen sind voller Lust und Gewalt. 
Fragen von Jette Rudolph.